Österreich setzt auf Startups und den Handel mit Indien: Michael Linhart, Generalsekretär für auswärtige Angelegenheiten, im Gespräch mit YourStory

20th Jun 2017
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Die Diplomatie liegt Michael Linhart im Blut. Geboren wurde Österreichs derzeitiger Generalsekretär für auswärtige Angelegenheiten in der Türkei. Nach Schule und Militärdienst, trat er schnell in den auswärtigen Dienst ein, wirkte in Äthiopien, Syrien, Kroatien und Griechenland . Seit 2013 verantwortet Linhart im Außenministerium die internationalen Beziehungen – und damit auch Österreichs Pläne für die Zusammenarbeit mit Indien und die Rolle des vergleichsweise kleinen Alpenstaates im globalen Startup Ökosystem. Im Rahmen des “Austrian Leadership Programms” (ALPs) sprach YourStory mit dem Berufsdiplomaten über Österreichs Rolle in Europa, aktuelle Startup-Programme und Digitalisierung.

Michael Linhart

Shradha Sharma: Gerade in dieser Woche, in der tausende ausländische Gründer und Multiplikatoren für das Pioneers Festival in Wien sind, haben sie sicher einen vollen Terminkalender. Herr Linhart, danke, dass Sie sich für uns Zeit nehmen, um über Startups und Digitalisierung zu sprechen! Wie sehen Sie die Digitalwirtschaft in Österreich?

Michael Linhart: Die Digitalwirtschaft ist sehr wichtig, da neue Technologien in Zukunft auch neue Geschäftsmöglichkeiten erschließen. Zum Beispiel in den Bereichen Gesundheit und erneuerbare Energien gibt es viel, was wir tun können. In Österreich sind wir gut aufgestellt: Bereits 85 Prozent der Haushalte nutzen das Internet und neun von zehn Unternehmen Social Media. Da ist ein guter Anfang, aber es gibt noch immer viel zu tun.

SS: Was genau tun Sie?

Michael Linhart: Die Regierung engagiert sich sehr. Wir versuchen, Digitalisierung so intensiv wie möglich zu unterstützen und unsere österreichischen Innovationen auch der Welt anzubieten und uns zu verknüpfen. Wir haben beispielsweise Startup-Outreach-Büros eingerichtet, unter anderem im Silicon Valley, und Experten in China und den USA, die sich insbesondere um Innovationen kümmern.

Und auch in der Regierung gehen wir mit gutem Beispiel voran: Unser Ministerium war das erste in den 90er Jahren, das elektronische Dateien verwendete. Und als Teil der Regierung ermutigen wir ständig dazu, mit neuen Technologien zu experimentieren. Wir haben jetzt eine digitale Verwaltung, wo die meisten Themen über das Internet angegangen werden können. Durch die Digitalisierung ist unsere Verwaltung weniger bürokratisch, die Verwaltungsarbeit wird so einfacher, transparenter und kostengünstiger. All dies bringt uns voran.

SS: Wie unterstützt die österreichische Regierung das Startup-Ökosystem?

ML: Wir haben zum Beispiel in diesem Jahr ein Startup-Paket in Höhe von 100 Millionen Euro ins Leben gerufen - für uns ist dies eine große Investition. Und es wird noch mehr Aktivitäten geben.

SS: Also hat die Regierung diese Investitionen umgesetzt?

ML: Ja, durch Subventionen. Ergänzend haben wir viele weitere Maßnahmen: Junge Firmen können beispielsweise im ersten Jahr Lohnzuschüsse für die ersten drei Mitarbeiter erhalten. Lohnabgaben können reduziert werden. Rund 1.500 Startups haben von dieser Initiative profitiert. Und dann haben wir natürlich auch andere Initiativen wie ALPs, mit denen wir Startups weltweit promoten.

SS: Könnten Sie uns etwas über die Open Austria Initiative erzählen?

ML: Das Büro im Silicon Valley ist das Herzstück der Open Austria Initiative. Wir arbeiten hier mit der österreichischen Handelskammer zusammen. Sebastian Kurz, unser Minister für Europa, Integration und Äußeres, ist Initiator dieses Startup Outreach Büros. Es wird uns die wichtige Sichtbarkeit im internationalen Startup-Ökosystem geben.

SS: Die österreichische Regierung fokussiert sich also darauf, ein ganz neues Startup-Ökosystem zu schaffen?

ML: Ja, die Zusammenarbeit mit Startup-Ökosystemen aus der ganzen Welt ist dabei ein wichtiger Schritt. Wir wollen unsere Stärken zeigen und von anderen Startup-Experten lernen. Wir haben daher auch eine Initiative, bei der wir uns erfolgreiche Modelle im Ausland anschauen und sie in Österreich präsentieren. Wir laden dazu Unternehmer ein, die im Ausland mit ihren Startups erfolgreich waren, um uns mit ihnen darüber auszutauschen, was zum Erfolg geführt hat, welche “best practices” es gibt.

Darüber hinaus versuchen wir, die österreichischen Startups und Unternehmen, die bereits im Ausland sind, zu unterstützen.

SS: Was ist Ihrer Meinung nach die Rolle Österreichs in der Europäischen Union und in der Welt? Vor meiner Reise habe ich gelesen, dass Österreich sehr neutral ist – auf Frieden ausgerichtet – und auf eine positive Stimmung bedacht. Wie sehen Sie Ihre Rolle im Herzen von Europa?

ML: Wir sind ein Land mit klaren Prinzipien, und wir versuchen, unsere Politik darauf aufzubauen. Wir sind ein verlässlicher Partner in der Europäischen Union. Wir halten uns an ausgehandelte Verträge; und wir sind neutral.

Das bedeutet auch, dass wir versuchen, in verschiedenen Konflikten zu vermitteln, nicht nur außerhalb Europas, sondern auch darin. Wir übernehmen Verantwortung in internationalen Foren. So leiten wir zum Beispiel haben wir heuer den Vorsitz in der die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Im nächsten Jahr werden wir die Präsidentschaft der Europäischen Union übernehmen. Wir sind auch der Sitz von Organisationen wie der OPEC oder der Internationalen Atomenergie-Agentur, beide mit Hauptsitz in Wien.

Und nicht zuletzt kennt man Wien als den Ort des Dialogs, der Verhandlungen. Wir hatten die Iran-Gespräche und die Atomgespräche in Wien. Auch die Syrien-Gespräche fanden in der österreichischen Hauptstadt statt.

Wir spielen bei der Sicherung von Frieden und Stabilität in der Europäischen Union – und auf der ganzen Welt – eine aktive Rolle. Wir sind uns bewusst, dass es in Europa schon so lange Frieden gibt – und wir müssen dafür sorgen, dass dies auch die Zukunft so ist.

SS: Wie sehen Sie den indischen Markt? Und planen Sie, neue Beziehungen aufzubauen?

ML: Indien hat es wirklich geschafft, sein Image zu verwandeln – von einem Land, das als Entwicklungsland mit einer gewissen Armut gesehen wurde in ein Land, das sehr dynamisch und aktiv in neuen Technologien ist. Es entwickelt sich sehr schnell und nimmt internationale Aufgaben wahr. Wir wissen allerdings, dass es auch noch Probleme gibt, und diese Probleme müssen angegangen werden.

SS: Wir ändern uns schnell.

ML: Ja, und das haben wir auch realisiert. Wir schauen uns neue Geschäftsmodelle an, sehen, wie viele Experten in Indien arbeiten, welche internationalen Unternehmen in Indien aktiv sind ... Und mit 1,3 Milliarden Menschen ist Indien ein großer Markt, ein Global Player.

Wir haben die Bedeutung Indiens definitiv erkannt, und damit meine ich nicht nur die wirtschaftlich, sondern auch die politische Relevanz. Bereits jetzt ist Indien ein wichtiger Partner für Österreich. Wir verzeichnen ein Handelsvolumen von 1,5 Mrd. € mit Indien. Dreihundert österreichische Unternehmen sind in Indien angesiedelt, 130 weitere Firmen haben internationale Joint Ventures in Indien. Es gibt bereits jetzt einen dynamischen Austausch. Indien ist unser größter, wichtigster Handelspartner in Süd- und Südostasien.

Übrigens erschließen wir den Indischen Markt mit verschiedenen hochrangigen Besuchen weiter: Anfang 2016 war unser Minister in Indien. Er wurde vom Präsidenten der Handelskammer und rund 70 Unternehmen begleitet. Diese ungewöhnlich große Delegation mit 70 Unternehmen zeigt die Nachfrage.

SS: Das ist eine tolle Nachricht! Zu allerletzt, eine eher persönliche Frage: In einer Welt und einem Europa, das sich so schnell ändert, was ist für Sie besonders spannend? Was treibt Sie in Ihrer Rolle als Generalsekretär von Österreich an?

ML: Wir haben ein schönes Land, wir haben viel Know-how, wir haben eine tolle Kultur und wir haben eine relativ tolerante Gesellschaft. Das können wir mit der Welt teilen. Wir sind ein verlässlicher Partner für jedes Land, mit dem wir kooperieren.

Wir haben keine versteckte Agenda. Wir sind ein fairer Partner und gehen Vereinbarung ein, die für beide Seiten eine Win-Win-Situation bedeuten. Wir helfen, wo wir helfen müssen, wie wir in der Migrationskrise hier gezeigt haben. Also, das alles zusammen motiviert uns tagtäglich, für das Land Österreich zu arbeiten.

(Translated from English by Maren Lesche)


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